Es sind eine Handvoll Marmorstufen und eine blaulackierte Eingangstür in einem Rotklinkerhaus im Wilhelmsburger Reiherstiegviertel, die uns noch von R.J. Schlagseite trennen. Dem Herren, der es amtlich hat, nur leicht gestört zu sein. So wie Sie kann man leben, befand der Therapeut und der hatte es ja schließlich studiert, dachte sich Schlagseite und machte ein Lied draus: „Nur leicht gestört.“ Für solche Diagnosen liebt ihn sein Publikum.

Mit zwei Flaschen Prosecco im Beutel und alkoholfreiem Weizenbier für Herrn Schlagseite schieben wir uns mit unserem Fotografen in den Wohnungsflur des Musikers. Ein Flur schmal wie ein Schlauch. Schummrig beleuchtet. Schieben uns in Schlagseites spartanisches Reich. Dass er gerade mal wieder turnusmäßig auf Alkohol verzichtet, hatte der schon ins Telefon gebrummelt. Und in seiner direkten Art gleich noch gefragt, wie alt man eigentlich sei. Die Stimme klinge so jung.

Eine Erscheinung, schlank wie ein Mikadostab und im korrekten Dandy-Stil gekleidet, streckt uns den Arm in einem Anzughemd entgegen, eine Spur knittrig. Sommerliche Anzughose, buntes Einstecktuch, weißes Hemd und weiße Leinenturnschuhe – später werden zum Ausgang noch die verspiegelte Fliegerbrille und der leichte Hut kommen.

Der Herr Schlagseite, mittlerweile über seinem Musikertraum 43 Jahre alt geworden und mit zünftigen Linien im Gesicht, ist Dandy. Einer mit Stil und wenig Geld, der seine gebrauchten Klamotten im Kilo-Shop des Roten Kreuzes findet. Das Deluxe-Label Herr von Eden wäre zwar auch o.k. Doch Schlagseite wartet noch auf den Erfolg, der den Ruhm und das große Geld bringen wird. „Manchmal träume ich von Erfolg“, wird er im Laufe des Abends sagen.

Schlagseite führt uns in sein Wohnzimmer, das von einem sechsarmigen Deckenleuchter aus Gold bestrahlt wird. Unter den roten Glühbirnen verbreitet sich auch am frühen Sommerabend ein surreales Licht. Pink. Wir blinzeln überrascht und sinken in eine schwarze Ledercouch, ein bisschen achtzigermäßig und registrieren eine zarte Staubschicht auf der Lehne. Vor uns ein flacher Marmortisch, eigentlich ganz bieder. In der Ecke erspähen wir ein Styroporkunstwerk mit Schlagseites Gesicht, das darauf wie zerschossen wirkt. Ist der Dandy eitel? Jedenfalls redet er gerne über sich, wie sich herausstellen wird. Das Zimmerfenster führt auf einen Innenhof, der jetzt irgendwie traurig im Schatten liegt. Ein Gefühl von Enge. Wir greifen unsicher zum Prosecco, den Schlagseite professionell für uns geöffnet hat, schließlich schiebt er beruflich Schichten im Sorgenbrecher auf dem Hamburger Berg.

Schlagseite, der eigentlich Ralf Junker heißt, lässt sich in den beigefarbenen Ledersessel fallen, er hat Muskelkater, denn gestern war er noch trainieren, den sechsten Schülergrad in Shaolin Wing Chun Chuan hat er, einer asiatischen Kampfkunst. Neben ihm auf dem Schreibtisch mit einem älteren Bildschirm stapeln sich Papierkram, Rechnungen, Korrespondenz. Das ist nicht so seine Sache. Über der Tür Bettwäsche und Jeans. Zum Trocknen. Für uns hat er aufgeräumt. Ein bisschen.

Ein gewisses Phlegma sei sein ständiger Begleiter, sagt er. Doch Schlagseite greift auch durch: „Momentan bin ich ganz spaßfrei unterwegs“, sagt der Exraucher und Liebhaber von Gemüsegerichten. Naja, spaßfrei wegen des mangelnden Alkoholkonsums. Eine Bandprobe ohne Alkohol sei zum Beispiel unterirdisch. Und das Thema Selbstdisziplinierung hat ihn ja auch schon immer beschäftigt.

Die Bilanz fiel nämlich irgendwann negativ aus: 38 und nur drei Platten bei zig im Suff gegründeten Bands und tollen Projekten, da musste was passieren. Es war 2006 und Schlagseite besorgte sich einen Gewerbeschein. „Jetzt machst Du ´ne CD hab ich mir gesagt.“ Das Solo-Debut von Schlagseite Schallunterhaltung nahm er mit einem Freund auf – Schlagseite spielte alle Instrumente selbst. Nur das Schlagzeug war virtuell. Aber mit höchstem Menschlichkeitsfaktor eingestellt. Klingt fast wie echt.

Am Anfang ist die Spannung zum Greifen. Wir sind gekommen, um den Mann kennenzulernen, der als Wilhelmsburger Original in Musiksendungen auftritt. Und das neben Hamburger Musiklegenden wie “Die Sterne”. Wir sind gekommen, um den Menschen zu treffen, der die Wilhelmsburger Schule ausgerufen hat, eine charmante Referenz an die Hamburger Schule, nur eben von einem Underdog-Ort aus.

Doch dieser Mann taxiert uns mit durchdringendem Blick. Prüfend. Irgendwie misstrauisch. Zeitungen schreiben er habe eine Halunkenvisage. Die Augen starren mir direkt ins Gesicht, weggucken Fehlanzeige, Smalltalk unerwünscht. Ein Lächeln lässt Ralf Junker nicht erkennen. Entspannung tritt erst ein, als wir über die Musik reden. In Fahrt gerät unser Gastgeber, als er uns auf der Akustikgitarre vorspielt. Jetzt sieht Schlagseite richtig charmant aus, den Kopf wie stets ein wenig schräggelegt, die Augen aufgeblitzt, die zippeligen Haare aus dem Gesicht geschoben. Dreitagebart und Ohrringe, plötzlich ganz die Bühnenpersönlichkeit angeknipst.

Erst kommen die Lieder von seiner Coverband „Honk Williams“. Eine Hommage an den Musiker Hank Williams, den verehrt er. Während Schlagseite also singt, schauen wir uns heimlich um. Staubige alte Plattenspieler. Kein großer Schnickschnack. Eine Plastikgießkanne. Ein Glitzerreh. Das war´s. Dann kommen die eigenen Lieder. „Nur leicht gestört“. „Wir könnten Lieder füreinander schreiben.“ Super Refrain, echtes Hitpotenzial und ein Lied, das für eine reale Frau geschrieben wurde. „Unglückliche Liebesgeschichte“ brummelt Schlagseite. Wurde nichts draus. Trotz zweiter Chance. Schlagseite singt immer lauter, die Haare fallen über das Gesicht. Jetzt noch „Mein Eldorado und mein Untergang“. Wir kriegen ein Privatkonzert. Unfassbar.

Dokumentarisch sind viele seiner Lieder und so stimmt es, dass Schlagseite sich aus dem Provinznest Emden nach Hamburg vorgearbeitet hat. Hier liegen die ersten Wurzeln. Hier flog der kleine Schlagseite alias Ralf Junker aus der Musikschule, was wohl an seiner Unlust lag, Tonleitern zu lernen.

Losgelegt haben sie dann in der Schule in einem Werkraum erinnert er sich – „Satisfaction“ von den Stones ohne die Akkorde. Muss ein infernalischer Lärm gewesen sein. „Schlimmer als Punk, wir sind immer auf den Riffs rum geritten.“

Schlagseite gäbe einiges für die erste Kassette. Ist aber verschollen. Dann ging es nach Hamburg, erste Stationen waren recht unsexy Berne und Winterhude. Dann der Kiez, wo Schlagseite als hauptberuflicher Barmann eine Art gratis Soziologiestudium absolvierte und die ganze blühende Hamburger Schule kennen lernte. Ende der achtziger, Anfang der neunziger. „Irgendwann bist Du drin.“ Lieder wie „Hollywood“ klingen zwar nach Starruhm, handeln aber vom Kiez und erzählen „Millionen Geschichten aus dem Untergrund.“

Aus der Hopfenstraße wäre er deswegen nie weggezogen, wenn es auf der Elbinsel nicht so schön billig wäre. Und wenn man nichts so sehr liebt wie seine Gitarre, mit der man begraben werden will, wie Schlagseite in einem Lied singt, wird man nicht so schnell reich. Im Gegenteil: Platten aufnehmen kostet, irgendwann zahlt man die Schulden ab.

Und die Wilhelmsburger Schule? Ein PR-Gag, um mehr Leute in die Honigfabrik zu locken, zur eigenen Platten-Release-Party. Immerhin folgten 90 Leute und die Zeitungen schrieben. Unser Dandy ist findig.

Nach „Für meine Niederlagen“ kommt das zweite Album „Auch Maßhalten muss im Rahmen bleiben“. Ein Titel, der Schlagseite aus der Bibel zugeflogen ist. Die hat er tatsächlich gelesen. Und wenn Maßhalten im Rahmen bleiben muss, ist auch ein kleiner gepflegter Exzess erlaubt. Wir lauschen fasziniert.

Ist es der Prosecco oder das alkoholfreie Bier, das Schlagseite aus der Flasche ansetzt, jedenfalls kommen wir in Fahrt: Schlagseite zeigt uns zur Belohnung auf dem alten Bildschirm die Filmprojekte bei denen er mitgespielt hat: Eins-a-Trash ist „Fahr langsam IV“, Ganoventrash ambitioniert montiert, drei Gangster im Auto. Fast wie Godard. Sogar eine Hauptrolle gab es für ihn in einem Film von Henner Peschel, „Pete the Heat“, inklusive Premiere beim Filmfest mit Vorführung im Cinemaxx. Wenn alles glatt läuft, gibt es den demnächst im Kino zu sehen. Schlagseite erlaubt uns am Ende noch einen Blick ins Schlagseitesche Schlafzimmer, schlaue Bücher stapeln sich dort, denn der Antiheld zwischen Proletarier und Intellektuellem liest gerne und gibt seine Einsichten auch zum Besten. Wie aus der Bibel.

Unter dem pinken Lüster haben wir inzwischen einen kleinen Glimmer, als sich unser mitgebrachter Hund plötzlich auch ohne Prosecco auf Schlagseites Perserteppich im Wohnzimmer erbricht. Peinlich. Hektik, Entschuldigung. Es geht an die Wilhelmsburger Luft. Schlagseite kennt die Leute, grüßt flanierend, posiert für uns im Abendlicht mit seinem leichten Ausgehhut und der schicken Fliegerbrille, die er günstig im Netz bestellt hat. Einem Kollegen an der Tonne ruft er zu, dass wir ein Interview mit ihm machen. „Vielleicht wird es auch im Abendblatt erscheinen.“ Die Reggaemusik an der Soulkitchenhalle geht ihm vor dem rötlichen Abendhimmel plötzlich auf die Nerven. Seine Stimmung scheint recht flexibel. Also schnell noch in der Deichdiele vorbeigeschaut. Beim „Aperol Spritz“ – nur Herr Schlagseite ist immer noch alkoholfrei am Maßhalten – fühlen wir ihm noch mal zum Thema Dandytum auf den Zahn. Ja, könne schon sein, dass er als Dandy auch ein wenig narzisstisch sei.

Aber die seien im 19. Jahrhundert doch auch oft schwul gewesen. Schwul? Das definitiv nicht. Und dann geht Schlagseite irgendwann wieder in die Nacht hinaus. Allein, ein bisschen melancholisch und sehr eigen mit niemals endendem Muckertraum, den er gegen alle bürgerlichen Widrigkeiten und Werte hoch hält.

Danke an R.J. Schlagseite für eine stilvolle Wilhelmsburger Sommernacht.

Ein großes Dankeschön gebührt auch an dieser Stelle wieder Fotograf Daniel Müller. Mit dem niedrigsten Alkoholspiegel nach Schlagseite und unter schwierigsten Lichtverhältnissen schoss er diese wunderbar stimmungsvollen Fotos unseres einigermaßen seltsam anmutenden Ausflugs. Mehr von Daniel: www.daniel-mueller.com

Marina, Reinigungskraft, 50 Jahre

Mein Traum: Ich hätte gerne einen kleinen Garten mit einigen Obstbäumen, ein paar Gemüsebeeten und einem Stückchen Rasen, um Sonne zu tanken. Und dazu einen Rasenmäher, damit der Gartennachbar nicht meckert, falls ein Grashalm mal zu lang wird.

Mein Alptraum: Wie wohl allen Eltern schon passiert, packt mich manchmal die Angst, dass einem meiner Kinder oder Enkelkinder etwas Schreckliches passiert.

Jerome-Marius, Schüler, 11 Jahre

Mein Traum ist es, dass ich ein sehr guter Koch werde. Dafür brauche ich einen sehr guten Schullabschluss (sic), damit ich die Ausbildung zum Koch machen kann. Arbeiten gehen, in einem Nobelresturanck (sic). Und für meine Familie ein tolles Essen kochen. Das ist mein Traum.

Inez, Sozialarbeiterin, 26 Jahre

Im Moment wünsche ich mir mehr Zeit, um meine Freundschaften zu pflegen, um mehr zu reisen oder nähen zu lernen und um meine vielen Bücher zu lesen. Für meine Zukunft wünsche ich mir Kinder und eine tolle Familie und natürlich einen Job, der mir Spaß macht und sich mit Kindern gut vereinbaren lässt. Vielleicht ja auch irgend wann einmal ein kleines Café mit einem Konzept, das sich mit meinem Beruf verbinden lässt und ein gemütlicher Treffpunkt für viele unterschiedliche Menschen wird. Ich wünsche mir, dass ich später zufrieden auf mein Leben zurück blicken kann und das Gefühl haben werde, dass doch immer alles ganz gut war, so wie es war.

Antje, betreut eine Dementengruppe, 55 Jahre

Wenn
»ich träume davon«
heißt
»ich wünsche mir«
dann
ist das der Zustand
in dem ich nicht mehr
zu träumen brauche
sondern
so wach bin
dass ich mit allen Sinnen
am Leben teilnehme
Ich habe das Bild
von einem Garten
oder einen ZUHAUSE
oder viel RAUM
oder das Meer
der klare Nachthimmel
oder Liebe …
Jedenfalls etwas, wo ich
wachsen kann
und mich entfalten

Hannes, Student, 25 Jahre

Ich wünsche mir, dass ich nach dem Studium meinen Berufseinstieg so gestalten kann, dass ich nicht nur das Gefühl habe zu arbeiten, sondern dass ich vielmehr meiner Berufung nachgehen und mich selbst verwirklichen kann.

Mein Alptraum ist es, keine Träume mehr zu haben.

Manni, Stadtteilforscher, 45 Jahre

14.06.2013, Wilhelmsburg/Last Exit Jenfeld
Es dröhnt in den Ohren. Klingt wie mehrere Hafendampfer. Was ist los?? Sirenen und Dampfertröten reißen mich aus dem Schlaf. Ich wache auf, und es ist 12:00 Mittags. Wo kommt der Lärm her? Ist schon wieder Hafengeburtstag? Ach scheiße, nee, das ist dann wohl das IBA-Festival, das heute beginnt!? Kacke und ich muss noch was erledigen im Dorf … Als ich vor das Haus trete, fährt ein Reisebus in den bekannten blau-weißen Farben an mir vorbei. Die Insassen schauen mich neugierig an. Ich steige aufs Fahrrad und will Brötchen holen und muss noch zur Post. Mal schau’n ob’s noch Geld gibt?

An der nächsten Straßenecke muss ich schon runter vom Fahrradweg/Fußweg weil die Gastro auf den Gehwegen schon früh gedeckt hat. Da sitzen sie, die neuen jungen, experimentierfreudigen, kreativen, dynamischen Jungunternehmer und ihre willfährige Praktikantenschaar.

Verpisst EUCH brülle ich – Ihr geht mir auffi Eier!! Sie kucken entsetzt unter ihren Luden-Sonnenbrillen und verschütten etwas vom Latte Macchiato auf die Markenklamotten.

Bloß weg hier. Auf der Straße stehen weitere Reisebusse und sportliche Kleinwagen zweite Reihe. Ich bin schlechtgelaunt und der eine oder andere verliert seinen Seitenspiegel.

Am Bäcker angekommen wieder dasselbe: Eine riesige Schlange von Wartenden. So wird das nichts. Noch länger ist aber die Schlange bei Schnittblumenladen. Und alles voller Kinderwagen!

Vielleicht gibt’s beim Türkischen Gemüsehöker ja noch ein Fladenbrot. Also nochmal Slalom über 2 Kilometer. Angekommen an der Hausecke schau ich mich verwundert um. Ich bin doch erst vor 3 Wochen mal hier gewesen …Wo ist er hin? Dafür steht jetzt eine 1a-Pseudo-Portugiesenbar an der selben Stelle. Zig neue Gesichter, wahrscheinlich Architekturstudenten, aalen sich auch hier auf dem Fußweg in der Sonne mit ’nem Galao. Ich kriege ’nen Anfall.

Ruhig bleiben, gaanz ruhig. Geh jetzt einfach zum Kiosk und hol Dir ein Brot und 4 Bier, um danach einen Ort zu finden, der Dir Ruhe und Frieden ohne große Menschenansammlungen sichert. Zum Spreehafen, genau! Zu meinem Lieblingsplatz, den kennt kaum jemand! Aber erstmal zur Hauptpost am Bahnhof Wilhelmsburg. Wenn man da jetzt aus der Bahn steigt, heißt die Durchsage: Bahnhof Elbinsel/ Gartenschau.

Ich muss über die »neue Mitte«. Auf dem Weg treff ich Horst an der Georg-Wilhelm-Straße. Er versteckt geschickt sein Dosenbier unter der Jacke und kuckt um sich. Auf die Frage, was er hier treibe und warum er nicht bei unserem Kiosk abhänge, sagt er, er hätte ein Platzverbot von den Bullen. Wie bitte, wieso das denn? »Das haben alle Kumpels von ihm in der letzten Woche dort bekommen, von wegen öffentliches Ärgernis«, oder so. Und nu, frage ich? »Ich geh zum neuen Trinkerraum im Hafen. Da können wir hin, haben die gesagt.« Ach so.

Ich muss weiter. Um auf die andere Seite zu kommen, versuch ich die Abkürzung über die neue Reichstrassenbrücke. Die heißt jetzt auch anders: »Elbinsel-Strasse des 9. Februar 2010«. Dort schneidet mir eine Gruppe von 20 Rentnern den Weg ab.

Eine Frau fragt mich nach dem Weg zum Gartenschau-Gelände. Ich sage 2 x rechts und dann noch geradeaus – damit landen sie im Industriegebiet zwischen Containerbergen und Müll – da gibt’s keinen Weg mehr raus wenn die Krähne kommen. Ich muss jetzt nur noch über einen kleinen Streifen des igs-Geländes am Bahnhof. Soweit ich weiß, dürfen Anwohner hier durch, wenn sie sich ausweisen können. Ich hab keine Lust auf Fragen, halte meinen Bewohnerausweis hoch ohne zu Halten. Die Sicherheitsleute wollen noch etwas sagen, aber ich bin schon durch. Auf der anderen Seite halten mich ihre Kollegen dann doch noch an, um sich wichtig zu machen. Das Betreten soll für Anwohner jetzt doch nur 4,- Euro kosten, außerdem solle ich hier nicht mit dem Fahrrad fahren. Dies sei ein öffentlicher Park. Ich nöhle etwas von Bürgerrechten, und sie lassen mich diesmal ziehen.

Am Berta-Kröger-Patz angekommen, seh’ ich eine Kolonne schwarzer Limos abbremsen. Zuerst springen einige Sicherheitstypen zum Checken, dann kommen einige Gesichter die ich schon mal im Fernsehen sah. Pfeffersäcke 1. Güterklasse! Sie ziehen im Tross Richtung B.K Platz und schieben den Pöbel beiseite. Dort wartet schon eine Delegation von Ortspolitikern, ein Trachtenverein und ein Kinderchor. Der singt Das Lied des lustigen Wilhelmsburgers. An den Seiten stehen diverse Leute, die kleine Flaggen und Wink-Elemente mit IBA- und Igs-Logos schwenken. Sie sehen so aus, als würden sie es nicht ganz freiwillig machen.

Jetzt muss ich einen Zahn zulegen, sonst blockieren die mir noch die Post. In letzter Sekunde schneide ich die Delegation, bremse und springe in die Filiale zur Paketausgabe. Das ging nochmal gut. Nachdem ich das Päckchen bekommen habe, reicht mir der

Angestellte noch ein Einschreiben dazu. Zum Glück ist auch noch ein bisschen Geld auf dem Konto. Das reicht noch bis Ende der Woche.

Leider ist der Weg nach draußen nun versperrt. Die Prominenz weiht den neuen Platz ein, und ich höre sie reden. »Die Neue Mitte, eine neue Epoche, Kulturhauptstadt, Klimahauptstadt, Fahrradhauptstadt« etc,. bis zum Abwinken wird abgelobt. Ich stopfe mir schnell die Kopfhörer in die Ohren und suche nach einem guten Titel, um dies zu übertönen: Die gute alte Hardcoreband »Black Flag« hilft mir in dieser schweren Stunde, meinen Hass zu bündeln, um ihn in nicht verständlichem Singen der Refrains von mir abzuschütteln. Mitten im Lied klingelt mein Telefon und Frank ist dran. Er will heute »was los machen«. Wahrscheinlich langweilt er sich, seitdem er in Jenfeld wohnt. Das Amt hat ihm den Mietkostenzuschuss gestrichen, da seine Wohnung 1,5 qm zu groß war. Da blieb nur noch, was außerhalb zu suchen, da es in Williburg nichts mehr Günstiges gab. Die arme Sau. »Ich melde mich nochmal«, sag ich etwas gestresst!

DER WEG ZUM SPREEHAFEN
Umso näher ich komme, umso lauter wird der Soundteppich. Auf dem Spreehafen tuckern verschiedene Hafenfähren kreuz und quer, ein Feuerwehrschiff versprüht Fontänen dreckigen Wassers zu den Tönen von Wagner in die Luft und an Land dudelt Ambient-Musik. Nur schnell dran vorbei am neuen Beachclub. Leicht bekleidete Surfertypen wippen lässig mit Kopf und Arsch zu schwammiger Light-Mucke. Auf dem Spreehafenbeach liegen sie alle in Reihe. Mit ihren Softdrinks schwippsen sie sich zu. Die Werber und IT-Fachleute fallen auf mit ihren handlichen Palms und Notebooks, alles, um den Mädels zu imponieren.

Gleich bin ich vorbei. Augen zu und durch. Auf einer Hafenfähre spielt eine Blaskapelle Seemannslieder. Nur noch 2 Minuten bis zu meinem Bier. An meinem »geheimen, einsamen Platz« steht ein Hinweisschild: »Hier entsteht eine Kunstinstallation im Rahmen des Elbinselsommers 2013“« Kein Zutritt bis zur Eröffnung am 30.06.13. Dahinter sitzt ein alter Typ, den ich frage, was der Scheiß hier solle. Er antwortet, dass er dafür nichts könne und auch nicht scharf auf diese blöde Maßnahme von Amt sei. Ich bin fassungslos und weiß nicht weiter.

Dann fahr ich eben nach St. Pauli. Da ist es jetzt bestimmt ruhig, weil alle Touristen in diesen Teil Hamburgs gelotst werden! Auf halber Strecke bei Blohm und Voss halte ich an der Wasserkannte völlig erschöpft an und muss endlich was trinken! Die Sonne scheint, und mir wird Schluck um Schluck leichter ums Herz. Ich entspanne mich und starre in den Horizont. Ach ja, ich hab ja Post. Mal nachseh’n. Im Paket ist das Geschenk zum Geburtstag von meiner Oma. 2 Paar Tennissocken, 1 Dose Ravioli, 1 x Mettwurst und Süßigkeiten von Ostern. Dass ich Vegetarier seit 20 Jahren bin, ist an ihr vorbei gegangen. Naja, ist nett gemeint.

Dann öffne ich das Einschreiben: Mein Vermieter!? Sehr geehrter Herr M., hiermit möchten wir Ihnen mitteilen, dass wir das Mietverhältnis bis zum 14.09.2013 wegen Eigenbedarf kündigen müssen … BlaBla … Ich lese es nochmal. Das scheint amtlich zu sein. Komischerweise regt sich bei mir kein Unmut. Ich mache noch ein Bier auf und rufe »leck mich – dann eben so!!« Ich rufe Frank zurück und sage ihm, »dass ich demnächst öfter zu Besuch bin. Bis bald!«

Dann zieh ich eben nach Jenfeld. Da ist bestimmt noch ein Platz für mich.

Sengül, Cafébesitzerin, 34 Jahre

Träume hab ich gaaaanz viele, aber ein großer Traum von all den vielen ist es, irgendwann einmal ein kleines Cafe, vielleicht eine zweite kaffeeliebe in einem schönen, alten
Stadtteil von Istanbul zu eröffnen, und einen Teil meines Lebens auch dort zu verbringen.

Finn-Ole, Autor, 28 Jahre

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Schwellenangst

Man sieht sie, kennt ihre Namen. Aber rein traut man sich selten. Eckkneipen: Fremde Welten, fremde Lebensentwürfe und Geschmäcker scheinen hinter dicken Windfänger- gardinen zu lauern. Wir haben die Türen zu Wilhelmsburgs Kneipen geöffnet und Menschen mit Geschichten getroffen: Ein Besuch im »Pianola«, in der »Wunder-Bar« und in der Eckneipe »Zum Steckenpferd«. Eine Reportage von Stefanie Maeck.

Eigentlich hat Willi Adomeit gerade gar keine Zeit zu telefonieren. Das feine Roastbeef zischt hinter ihm im Ofen. Er will ein Auge drauf haben. Seit fünf Uhr in der früh ist der Mann mit dem feinen nachdenklichen Gesicht und den schwungvoll zurückgestrichenen Haaren heute wieder auf den Beinen. Hat sich im Dunklen in seinen Wagen gesetzt, ist zum Großmarkt gefahren, die 150 Rosen kaufen, die jetzt auf den Tischen im Café »Pianola« stehen. Dann ist er weiter zum Schlachthof, Schweinefilet und Roastbeef kaufen. »Heute gibt es richtig leckere Sachen«, sagt Willi und seine Stimme bekommt diesen eigenartig warmen Klang. Plötzlich hat er Lust zu reden. Vier Stunden später steht das dünn geschnittene Roastbeef auf großen eckigen Platten, angerichtet mit Salatblatt, Remoulade und ein paar Champignons vor den Gästen. Das Besteck kommt in einer Serviette gewickelt. Auf den gepolsterten Bänken des »Pianola« sitzen Herren und Damen mittleren Alters. Das Licht kommt von grün-gelb-weiß-gemusterten Tiffanys Lampen, die Wände sind mit dunklem Holz getäfelt, auf dem nostalgische Bilder hängen. Die Haare der Frauen schimmern grau und sind sorgfältig mit der Rundbürste auf Volumen geföhnt. Im Radio läuft das Programm von Radio Nora, dezent, nicht zu laut.

Willi lehnt hinter dem Mahagoniholztresen im »Pianola«, vor sich ein halbes Glas Rotwein und spricht mit Richard Bohlmann. Der trinkt auch Rotwein. Richard Bohlmann neben ihm sei »ein ganz alter Freund«, sagt Willi, alle halbe Jahr gucke der mal vorbei. Da freue er sich jetzt besonders. »Eine Überraschung.« Bohlmann trägt ein silbernes Brillengestell zum grauen Pullunder, war Leiter einer EDV-Fachabteilung und wohnt nun im Ruhestand nebenan in Marmstorf. Mit Adomeit verbindet ihn Dankbarkeit: Denn in Adomeits Lokal »Top Ten« an der Harburger Außenmühle, dem Laden vor dem »Pianola«, habe er seine heutige Frau kennen gelernt, sofort funkte es gewaltig. Eines Sonntags, Ina Adomeit hatte seit 1985 ihren legendären Tanztee auf die Beine gestellt, spazierte Bohlmann mit seinem Freizeitverein ins Lokal. »Toll eingerichtet war das, mehr so auf edel, King George Stil«,

erinnert sich Willi und eine wunderschöne Frau habe ihn, Richard Bohlmann, da angeguckt. Seine spätere Frau. Und der Laden? »Schön plüschig war der, wie hier«, kommentiert Richard Bohlmann. »Roter Teppich, Kamin und so.« Krawall an der Tür habe es jedenfalls nie gegeben. »Wir haben geschaut. Wer entsprechend angezogen war, kam rein«, sagt Willi Adomeit.

TRÄUMEN VON DER GUTEN ALTEN ZEIT
Bohlmann lässt seinen Blick über den Tresen schweifen: Ein junger Mann mit kurzen Haaren trinkt ein Pils mit einem Mann, der sein Großvater sein könnte. Bohlmann kann sich noch gut daran erinnern, als in Wilhelmsburg »was los war«, wie er sich ausdrückt.

»Tanzen und so.« Nach dem Spiel bei Victoria O9, wo er als Stürmer spielte, sei man tanzen gegangen.In die »Brückenklause« am Kanal, wo jetzt der Biergarten »Zum Anleger« die Besucher lockt. Die Schwarzweißfotografien hinter Bohlmann und Adomeit an der gelb gestrichenen Wand erzählen von dieser Zeit. Von Verwandten, Freunden, Willis Marathonläufen mit seinem Dackelmischling Toni, der ohne Leine mitlief und den die Leute mehr als ihn beklatschten und natürlich von der Zeit in Neuhof. Eigentlich hat Willi Adomeit im Hamburger Stadtteil Neuhof seine Wurzeln, in dem 5000 Menschen, überwiegend Arbeiter der Vulkanwerft, aber auch Elektriker, Hafenarbeiter und Handwerker lebten. Einige Gäste nennen ihn den »vergessenen Stadtteil«. Vergessen, weil er dem Fortschritt weichen musste und heute bei Jüngeren fast unbekannt ist. Eine Welt für sich mitten im Hamburger Hafen zwischen Waltershof und Wilhelmsburg war das.

Die Elbe floss direkt vor der Tür. Es gab einen Bäcker, einen Feinkostladen, einen Schuster und ein Fischgeschäft. »Wir haben noch in der Elbe gebadet«, erinnert sich ein Gast im »Pianola«. Willi Adomeit wurde hier geboren, ging in Neuhof zur Schule, wo seine Eltern seit 1938 eine kleine Gaststätte, das »Adomeit Neuhof« in der Nippoldstraße 223 hatten. Mit dreißig durfte Adomeit selbst ans Ruder und baute erst mal um. Man schrieb das Jahr 1965. »Das war Rock´n´ Roll Zeit«, sagt Willi Adomeit. »Erst besorgten wir uns eine Jukebox.« Da ist er wieder, dieser warme, bewegte Ton in der Stimme. »Doch bald reichte uns das nicht mehr. Auf der Reeperbahn kam der Discotrend auf, und wir machten aus dem Adomeit eine Discothek.« Genauer noch eine »Kaminbar«, einen »Steakgrill« und einen »Whiskyshop«, wie sie damals vollmundig auf ihre Flyer schrieben.

Auch im »Pianola« hat Willi Adomeit eine Jukebox neben den Gladiolen aufgestellt. An die vertäfelte Decke der Speisestube hat er goldene Blasinstrumente gehängt und gerahmte Bilder schauen auf den herab, der seinen Blick zur Decke hebt. In der Jukebox spielt Pat Boon. »I almost lost my mind.« Früher hat Willi Adomeit dazu mit seiner Frau Ina getanzt. Seine hellen Augen in dem gut gebräunten Gesicht sehen jetzt fast traurig aus. Es ist anders gekommen. Eigentlich wollte er schon lange mit ihr auf Reisen sein, das Ruder an die 28 Jahre alte Tochter Nicole übergeben. Nun pflegt er seine Frau.

Doch es kam ja schon öfter anders. Aus Neuhof mussten sie weg, als der Stadtteil dem Bau der Köhlbrandbrücke wich, einfach platt gemacht wurde. Ja, das könne man jetzt so sagen. Und es war auch im »Adomeit«, wo die Menschen, die trotz der lärmenden Brücke bleiben wollten, eines abends im September 1972 erfuhren, dass Neuhof ganz von der Landkarte weichen sollte. Für die Menschen ein Schock, die sich auch mit der Köhlbrandbrücke 53 Meter hoch über ihren Köpfen und Häusern arrangiert hätten. 1979 wurde Neuhof und das »Adomeit«, wo es noch Rumpsteak auf Toast für 9,50 DM, das Export Extra zu 3 DM und die gute selbstgemachte Kräuterbutter gab, abgerissen.

Es kam die Zeit des »Top Ten«. Eine schöne Zeit. Adomeit kann sich noch an die Eröffnung erinnern, 1000 Autos seien da in Harburg auf dem Parkplatz gestanden. »Können Sie sich das vorstellen?« Adomeit entdeckte die Gaststätte vom Fahrrad aus, der vorige Eigentümer, der wirtschaftlich am Ende war, saß auf einer Bank und man kam locker ins Gespräch. Die Bavaria-Brauerei, die einen neuen Mieter suchte, stimmte schließlich gerne zu, denn das »Adomeit Neuhof« war eine exzellente Visitenkarte: Willi Adomeit konnte den Fachwerkladen in der idyllischen Lage für 80 000 DM übernehmen,

150 000 DM wollte er reinstecken und den Laden wieder in Schwung bringen. So kam es.
In der Luft des »Pianola« liegt ein dezenter Geruch nach Bratensaft und reichhaltigem Essen. Die meisten Gäste haben um acht ihre Haxen und Knödel aufgegessen. Willi guckt bei seinen Gästen vorbei.Alte Bekannte sind das. Regelmäßig trifft sich hier eine Gruppe aus Neuhof, ein bisschen von der guten alten Zeit plaudern. Rudi und Heide Guth, Jürgen Rahn, Silke Wiese, Peter Langbehn und Jutta Dahlmann sitzen heute an den großen Butzenfensterscheiben unter dem Regal mit den Porzellankannen, die Willi sammelt. Aus einer Vase in der Ecke schaut ein Teddybär. In die Grundschule Neuhöfer Damm sind sie alle gegangen – heute dient das Gebäude, das mit so vielen Erinnerungen verbunden ist, als Heim für Asylanten – später ging es natürlich ins »Adomeit Neuhof«, die Discothek. »War das denn eine Discothek?«, fragt eine Frau und lacht. So ist das mit der Vergangenheit. Adomeit glaubt, dass er sicher 1000 Leute aufzählen könnte, die sich bei ihm kennen gelernt und geheiratet haben.

Willi Adomeit ist zurück am Tresen. Eine Serviette mit aufgedrucktem Herbstlaub liegt dort, um den Schoppen drauf abzustellen. Akkurat. Sonst gibt es unschöne Ränder. Überhaupt der Tresen. Er ist eine Konstruktion aus Fundstücken, vom Trödel oder Sperrmüll, alles ordentlich zusammengebaut, sogar Teile von einem alten Klavierbein. Alles tiptop gepflegt, wenn der Laden zu hat, geht Adomeit schon mal mit Lappen und Sprühflasche durch, alles auf Hochglanz bringen.

Seit 1992 ist er mit dem »Pianola« am Vogelhüttendeich, eine Zeit lang liefen »Pianola« und »Top Ten« sogar parallel. Das war anstrengend. Schwarze Weste, ein gestärktes weißes Hemd, das er leicht hochgekrempelt trägt, ein schmales Goldkettchen am drahtigen Hals.

Willi Adomeit sieht mit 73 Jahren durchtrainiert aus, eine gepflegte Erscheinung, fast ein wenig zierlich. Nur ein paar Spuren an der Weste verraten, dass der gelernte Schlachter ständig in der schmalen Küche des Familienbetriebs anfassen muss. Ansonsten ist Adomeit der Mann fürs Detail, hier eine Vase mit Krysanthemen, dort ein Liebhaberstück.

DU DARFST VOR DEN GÄSTEN NIE BETRUNKEN SEIN
Trotz der vielen Jahre hinter dem Tresen sieht Adomeit, der seine Haare zurückgekämmt trägt, agil aus. »Du darfst nicht mittrinken, darfst vor den Gästen nie betrunken sein. Schließlich muss man am nächsten Tag früh raus und die Abrechnung machen.« Einmal habe er sich morgens richtig schlecht gefühlt mit den Zigaretten und dem Alkohol. Seit diesem Zeitpunkt hat er angefangen zu laufen. Willi Adomeit glaubt, dass ihm das Laufen das Leben gerettet habe. Zwei Mal die Woche schafft er es in den Laufschuhen durch Wilhelmsburgs Natur, Bunthäuser Spitze, Heuckenlock. Die Windmühle Johanna. Darüber hat er sogar im IBA-Blick in der Rubrik »Meine Elbinsel« geschrieben. Die Neuhofer verabschieden sich, einige Gäste schauen nach dem Essen nach drüben in den Nebenraum des Pianola, wo das Trio Arkéstar spielt.

Eigentlich wollte Willi das »Pianola« gar nicht für sich haben. Es war das Elternhaus seiner Frau Ina, das zum Verkauf stand. Vorher sei da so eine Kaschemme drin gewesen, total runtergekommen. »Ich hol uns dein Elternhaus zurück«, hatte er zu seiner Frau gesagt. Herrichten wollte er es und eine schöne Pacht erzielen. Doch das Lokal wurde immer schöner. »Ich liebe ja das Einrichten eines Ladens.« Und so habe man das »Pianola« doch behalten. Klar ist das Publikum etwas älter. Doch auch Studenten kämen, vor allem in den Biergarten, der mit Discokugel und Bildern hergerichtet ist.

»Weißt Du noch die Zeit, als an der Straße Sperrmüll stand? Das war für mich immer toll.« Schwärmen von der guten alten Zeit. Könnte man so das Motto im »Pianola« nennen? »Ja«, sagt Willi Adomeit und holt plötzlich ein Wilhelmsburger Telefonbuch von 1937 hervor. Vorsichtig wickelt er es aus der Schutzfolie aus. Veringstraße 25 steht da und dann der Name Wilhelm Koch. Oder Hermann Schwarz, Schuhwarenhandlung. »Das sind die Väter der Männer, die ich noch kenne«, sagt Willi Adomeit und ein Lächeln spielt um seine Mundwinkel.

KUNSTNEBEL UND COCKTAILS
Pink auf Schwarz leuchtet das Schild der »Wunder-Bar«. Ein Flamingo mit einem angewinkelten Bein. Das Wahrzeichen der »Wunder-Bar«. Ein pinker Flamingo aus Leuchtröhren, der auf dem Tresen steht, war das erste Dekostück, das Meike Voß von einem Freund geschenkt bekam.

Pink leuchtet auch der Kasten mit der Karte, in der Besitzerin Meike ihre Getränkepreise aufgeschrieben hat. Es gibt »Sex on the Beach« und »Pina Colada« für 4,50 oder »Swimming Pool« für 4,90. Auf der Eingangstür aus Glas klebt ein Aufkleber mit einer schiefen Palme, die Lichter aus der Bar glitzern bis zur Straße raus, hinter der Tür öffnet sich eine Bar im rustikalen Tropicambiente, die ein bisschen an die gut eingerichtete Kellerbar im Elternhaus früher erinnert. Sechs Barhocker stehen vor dem Holztresen, darauf Erdnüsse im Bananenblattboot und Salzstangen. DJ Michael, Meikes Schwager, sitzt am Laptop in einer Ecke hinter dem Tresen und wählt Musik aus. Erst Peter Fox, dann was aus den Achtzigern, »So soll es bleiben« von »Ich + Ich«.

Neben ihm ist ein Leuchtfenster auf die Wand gebracht, hinter dessen geöffneten Scheiben eine Südseeinsel in azurblauem Meer liegt. In der »Wunder-Bar« gibt es einen roten Kalender vom Sparklub, über dem eine Holzschlange liegt, hier wird für die Weihnachtsfeier mit Kegeln, Essen, Julklapp und Getränken gespart.

Die Gäste trinken Bier, Meike trägt langstielige Sektkelche mit grünem oder rosa Strohhalm durch die Bar (man möchte meinen, sie seien von der Firma Leonardo), in einem Korb liegen Bananen für die Cocktails. Rechts neben der Tür, an der auch die Jacken hängen, ist eine Sitzecke mit einem Baldachin aus Bambus- und Basthölzern. Drei Gäste sitzen auf flokatiartigen Polstern. Ein bisschen sieht es aus, als hätte man am Strand nur ein wenig Schatten vor der Sonne gesucht.

»Wir sind im Urlaubsstil eingerichtet«, sagt Meike Voß. Ein südländisch aussehender Herr mit dunklem Bart und dunklen Augen sitzt im Pullunder in der Bastecke und grinst belustigt. Meike Voß kommt von der Insel Föhr, doch gefühlt ist sie schon das ganze Leben hier in Wilhelmsburg. Gearbeitet hat sie als Stewardess auf Personengastschiffen. MS Hamburg, Lousiana und so. Ziele: Kiel, Glücksstadt. Nicht die ganz große Welt. Doch Cocktails mixen gehörte da schon zu ihrem Programm, sie kümmerte sich um die Gäste hinter einer kleinen Bar. Die Lichtmaschine schneidet in der »Wunder-Bar« durch den Rauch. Ein Beamer, der von grünem Kunstfarn an der Decke umrankt ist, malt blaue, rote oder gelbe Lichtkreise auf die Knie der Gäste und kreiselt um die Tür. Eine Nebelmaschine, die in Intervallen angeht, drückt Schwaden von Kunstnebel in den Raum.

»So eine kleine süße Bar« erzählt Meike, habe sie mal auf Fuerteventura gesehen. Da schoss es ihr schon durch den Kopf: »So was müsste man doch auch in Wilhelmsburg aufmachen.« Die eigentliche Initialzündung kam dann aber erst zur WM: »Wir wollten irgendwo schön Fußball gucken und fanden partout keinen Platz. Mal war es uns zu bahnhofsmäßig, mal die Gäste nicht so unser Ding.« Seit fast vier Jahren steht die kleine Bar in der Fährstraße 62 nun schon, mit Stammpublikum von 18 bis 83 Jahren. Ein Mann im Kapuzenpullover und Schiebermütze sitzt auf einem Barhocker am Tresen, dessen Front mit partyartigen Silhouetten attraktiver Menschen beklebt ist, die kräftigen Arme auf den Tresen gestützt. Eine Blondine mit Achtzigerjahrefrisur, Sekretärinnenbrille und einem hautengen weißem Oberteil tänzelt mit flirtendem Blick durch den Raum, der freundliche Pullunderträger grinst weiter an der Tür, ein älterer Herr mit einer riesigen Pilotenbrille fachsimpelt mit DJ Michael.

Hier ist das Motto, Hauptsache gute Laune mitbringen, sonst kannst Du gleich draußen bleiben. Das hatte Meike in ihrer resoluten Art gleich gesagt. Ein bisschen misstrauisch ist man auch. Warum wir die »Wunder-Bar » ausgesucht hätten? Weil Freunde hier schon mal so nett versackt seien. Achso. Wirtin Meike, die eine Modeschmuckkette zur karierten Weste trägt und partout nicht mit Zigarette fotografiert werden will, das sehe bei Frauen immer so doof aus, hat ihre Dekosachen von Reisen mitgebracht: einen Gitarrenspieler aus Kuba, einen Papagei aus Venezuela, in der Ecke hängt ein Bar-Leuchtschild, auf dem aus einer grünen Flasche brizzelnd in einen Champagnerkelch eingeschenkt wird. Auch die blau gefrostete Vogellichterkette an der Bambusbar leuchtet. Im neuen Jahr will die Wirtin mit den am Pony gegelten Kurzhaaren ihr Dekomotto ändern. Wie, das sagt sie noch nicht. Die Leute sollen ja gucken kommen. Und der Kunstnebel wird weiter blasen.

BERLINER CHARME UND DIE STOLZE DART-OMI
Deutlich heller ist es in der Mokrystraße. Durch eine gefühlt zentnerschwere Windfängergardine aus robustem braunen Gardinenstoff geht es in die kleine Kneipe, vor der draußen das Schild »Zum Steckenpferd« rot und weiß leuchtet. Sparglühbirnen in messinggeschmiedeten Lampen bescheinen einen braunen Kunstholztresen, Musik ist keine zu hören. Rechts in der Ecke am Fenster vor nikotingegilbten Sichtgardinen sitzen zwei Stammgäste über den Tresen gebeugt. Sie tragen Jeansjacke und Sweatshirt, ein rotes Zigarettenpaket liegt vor ihnen auf dem Tisch. Ein Gespräch ist keins zu hören. Die kleinen Tischecken im Lokal weiter hinten mit den gemusterten Bezügen aus einer fernen Zeit sind leer. Hinter dem Tresen empfängt uns Peter, tätowiert bis zum Ellenbogen, in breitem Berlinerisch. Seit 20 Jahren steht er an den Zapfhähnen, gelernt hat er Gaststättenfacharbeiter. »In der DDR hatten die ja immer so tolle Namen für alles.« In Berlin Weissenseee wurde er geboren, 1982 dann aus der ehemaligen DDR ausgewiesen. Plötzlich galt er als Republikfeind. Lange Geschichte. Seine Geschichte.

1,60 Euro kostet das Astra im »Steckenpferd«, das Warsteiner 1,90 Euro. Ein elektronisches Visiondartgerät bildet das geheime Zentrum der Wilhelmsburger Kneipe, ein klobiger schwarzer Kasten. Auf dem Boden gibt es eine Markierung zum Werfen, an der Wand hängen Kupferradierungen mit naiven Pudeln, eine leuchtende Wurlitzerjukebox steht in der Ecke und ein Hackenporsche aus kariertem Stoff wurde vor einer Sitzecke mit Kunstblümchen auf dem Tisch und Ledersesseln aus den 50er Jahren abgestellt. Es ist, als wäre die Zeit irgendwann stehen geblieben. Erdnüsse von Ültje stehen im Getränkebord, unter dem schöne alte Kacheln hängen und ein rosafarbener Stoffhase klammert sich an das Regalbrett, in dem die sauren Flachmänner stehen.

War es hier einmal ganz lebendig? Das »Zum Steckenpferd« habe schon Stammgäste, besonders auch am Wochenende. Peter wirft zwei Euro in die Musikbox und spielt Roger Whittaker »Ein schöner Tag«. Der Rest ist für uns. Wir legen »Lola« von den Kings auf. Das Astra stellt er vor uns auf den Tresen, geht aufs Haus, genauso wie die Testknödel im »Pianola«. Von Donnerstag bis Sonntag steht er hier. Immer mit dem freundlichen Lächeln auf dem Gesicht, ein netter Bär. Normalerweise öffnet sich die schwere Gardine am Eingang ab 16 Uhr. Am Sonntag gibt es Frühschoppen schon um zehn Uhr. »Da ist es gut besucht.« Morgens kämen die Leute gerne ein Bierchen trinken.

Über das Linoleum, die Nachtspeicherheizung und das alt aussehende Astra-Leuchtschild im Fenster hat das Nikotin einen feinen, traurigen Schleier gelegt. Leider fehle hier der Nachwuchs, sagt Peter. Die Jugend ginge nicht mehr in »so urige deutsche Kneipen wie das »Steckenpferd««, die seien Internetcafés gewöhnt.

Das »Steckenpferd« sei eine der ältesten Gaststätten in Wilhelmsburg. Mindestens 30 Jahre gebe es die Kneipe. An den Wänden erzählen Urkunden in schnörkeliger Schrift auf marmoriertem Papier von der Dartgruppe: Ein Foto zeigt »Unsere Dartomi« und dazu eine stolz grinsende Seniorin hinter einer riesigen Brille, eine Urkunde informiert, dass »die Mannschaft Steckenpferd« in der »Saison 1995 in der Wilhelmsburger Pokalrunde im Elektronikdart den 9. Platz belegt« habe. »Wilhelmsburg ohne Dart, dat jeht nich«, sagt Peter. Leider gebe es die Dartgruppe seit vergangenem Jahr aber nicht mehr. Doch nächstes Jahr will man eine neue gründen. Um die Kneipenszene in Wilhelmsburg macht Peter sich Sorgen. Das sei so ein Thema. Die sei am Aussterben. »Überleben können nur noch die Urgesteine.« Ob das »Steckenpferd« ein Urgestein ist, sagt er nicht.

Manchmal käme ein Trupp von drei Studenten, die hier in der Mokrystraße lebten. Berührungsängste? Überhaupt nicht. »Da freuen wir uns immer. Dann wird Musik gemacht. Das wird immer lustig«, sagt Peter, der eine Kette mit einem eingefädelten Ring um den Hals trägt und mit seinem rauschigen weißen Bart ein bisschen wie ein Seemann aussieht. 53 Jahre ist er alt. Aus der DDR wurde er wegen versuchter Republikflucht und »illegaler Verbindungen« ausgewiesen. Strafe gab es auch. Gut, dass die Zeit vorbei ist. Er lebte dann im Wedding. Ob der was mit Wilhelmsburg gemein habe? »Nee, dat kann ick nich sagen.« Der Liebe wegen ging es erst nach Pinneberg, auch mal auf den Kiez, wo Peter Döring in einer Kneipe am Hans Albers Platz arbeitete. Nun ist er in Wilhelmsburg. Wohnen tut er direkt über der Kneipe. Das ist praktisch. Gerne schickt Peter ein berlinerisches Wa hinter seine Sätze.

Mit unserer Kneipenauswahl ist er nicht ganz zufrieden. Zu bürgerlich. Genauer: »gehobenes Bürgertum«. Er könne uns hier in Wilhelmsburg ganz andere Läden nennen, Läden, wo man reingeht, wenn alles zu hat und man noch ein Bier will. Welche? »Soll ick jetzt die Konkurrenz nennen?« Ja, bitte. Na, »Das Bierstübchen« sei ein Laden, der von Legenden umrankt sei, einen Ruf habe. Gauner, Kleinkriminelle und so. Ein Gast in Lederjacke, der später reinkommt, sieht das ähnlich. »Schau Dir mal das richtige Wilhelmsburg an, nicht das von IBA und igs«, sagt er, und es klingt zornig und alkoholisiert. »Ihr seid doch Studenten? Nee?« Überwunden geglaubte Schwellenangst kommt hoch. Warum wir hier überhaupt fotografierten? Kreative und das IBA-Gesocks landen im gleichen Topf wie das abfällig ausgesprochene »Studenten«.

Der Konflikt bleibt im Raum, durch dessen Tür inzwischen tatsächlich drei Studenten gekommen sind. Sie kennen sich aus, nehmen an der Bar Platz. Und dann wird doch noch Elektronikdart zur Musik aus der Jukebox gespielt. Das Steckenpferd ist voll und wiehert ein bisschen. Wie früher. Irgendwann an diesem Abend schließen wir die Tür mit vielen Geschichten und ein paar ungeklärten Fragen. Wir nehmen mehr als den Rauch in den Klamotten mit.